Ein Interview mit CONSULECTRA Geschäftsführer Torsten Brinker
Der Einzug computergestützter EDV-Systeme in die Energieversorgung in Deutschland stellte schon in den 1970er Jahren grundsätzlich eine der komplexesten gesellschaftlichen Umbrüche in den Geschäftsprozessen dar. Seit nunmehr über 50 Jahren unterliegt die Energiewirtschaft einem Transformationsprozess mit einer schon immer beispiellosen Dynamik in einem regulatorischen Umfeld.
Zwischen den politischen Zielvorgaben auf nationaler und europäischer Ebene und ihrer praktischen Umsetzung in den Energieunternehmen klaffte und klafft oft eine erhebliche Lücke aus abstrakten rechtlichen Konstrukten, die in konkrete, umsetzbare Strategien für Energieunternehmen transformiert werden müssen.
Im Jahr 1974 wurde durch den Vorstand der Hamburgischen Electricitäts-Werke AG (HEW) mit Sitz in Hamburg die CONSULECTRA Unternehmensberatung GmbH als Tochterunternehmen ausgegründet. Dieses erfolgte mit dem strategischen Auftrag, als spezialisiertes Beratungs- und Planungsunternehmen eine systemrelevante Vermittlerrolle zwischen den Akteuren der Politik und der Energiewirtschaft zu übernehmen, die entscheidend zur strategisch-operativen Transformation der Energiewirtschaft beitragen sollte.
Ausgestattet mit diesem Auftrag wurde CONSULECTRA in den vergangenen Jahrzehnten mit wechselnden, an die Bedürfnisse der Kunden angepassten Geschäftsfeldern schnell zu einem unverzichtbaren Akteur in der Energiewirtschaft. Als führendes Beratungs- und Planungsunternehmen unterstützt so CONSULECTRA seit 50 Jahren die Energieversorgung als verlässlicher Partner.
2024 feierte die RWTÜV Gruppe das 50-jährige Bestehen des Unternehmens.
Das Jubiläum beging CONSULECTRA mit rund achtzig geladenen Gästen. Aktiven ebenso wie ehemalige Kolleginnen und Kollegen mit erlebten beeindruckende Einblicke in die Geschichte des Unternehmens am Gründungsstandort Hamburg, mit dem das Unternehmen so eng verbunden ist. Das Internationale Maritime Museum in der Speicherstadt diente dabei als ehrwürdiger Rahmen für die festliche Jubiläumsfeier. Mit Impulsvorträgen und konkreten Einblicken in heutige und frühere Projekte vom aktuellen Geschäftsführer Torsten Brinker, aber auch dem 1. Mitarbeiter der CONSULECTRA aus dem Jahre 1974, Karl-Heinz Mäver. Weitere Vortragende wie Prof. Dr. Dr. Fritz Westermann, Dr. Herbert Slomski, Andreas Maiwald, Benjamin Jockschat und Julian Beyer schlugen unter dem Motto „Kurs halten” einen angemessenen Bogen von 50 Jahren erfolgreicher Geschichte der CONSULECTRA über die wechselvolle Geschichte bis heute. Grußworte der RWTÜV Geschäftsführung Thomas Biedermann und Fabian Fechner rundeten zusätzlich das Programm ab und ließen deutlich erkennen, welche wichtige Rolle CONSULECTRA im Konzernverbund und im Gesamtportfolio der RWTÜV Gruppe einnimmt. Als feste Säule in der Energiewirtschaft erreichten CONSULECTRA zahlreiche beste Wünsche für eine weitere erfolgreiche Entwicklung.
Mit über einem halben Jahrhundert Erfahrung ist CONSULECTRA im Hinblick auf eine Vielzahl aktueller Herausforderungen für die Energiewirtschaft, beginnend beim Netzausbau, bei der Umstellung auf erneuerbare Energien, der Digitalisierung intelligenter Energienetze, dem Rollout intelligenter Messysteme und vielen weiteren – auch regulatorisch getriebenen – Themen bis heute ein besonders verlässlicher Partner für ihre Kunden.
Im Gespräch erläutert CONSULECTRA Geschäftsführer Torsten Brinker, was es braucht, um über fünf Jahrzehnte und gerade jetzt unter dem Eindruck disruptiver Entwicklungen kompetente Exzellenz in der Beratung aufrechtzuerhalten.

Von der „Ingenieurdienstleistung“ zur „Projektabwicklung übergreifender Aufgabenstellungen“
Herr Brinker, die Energiewirtschaft befindet sich im Wandel. CONSULECTRA ist seit 50 Jahren in führender Position in diesem herausfordernden Markt. Wie begegnet ein Unternehmen wie CONSULECTRA dem Wandel? Liefern die von Ihnen angebotenen Leistungen die richtigen Antworten für die Energiewirtschaft?
Torsten Brinker: Seit 1974 bietet CONSULECTRA individuelle, hoch spezialisierte Ingenieursdienstleistungen für die Energieversorgungsunternehmen an. Eine solche Zeit kann natürlich nur am Markt – großenteils als Marktführer – bestehen, wer sich regelmäßig hinterfragt und die Ausrichtung anpasst. Das gehört bei uns also zur Unternehmenskultur, zu unserer DNA.
In den vergangenen Jahren hat der Wandel in der Energiewirtschaft jedoch eine besondere Qualität und Geschwindigkeit erreicht. Vor diesem Hintergrund haben wir bei CONSULECTRA nicht nur unsere Leistungsangebote, sondern auch unsere eigenen, bisher geltenden Ziele überprüft.
Als Ergebnis dieser Untersuchung haben wir eine neue Strategie für die Zukunft formuliert und auch unsere Markenidentität neu geschärft.
Wie sieht das aus, was bedeutet neue Strategie und Schärfung der Identität ? Mit welchen Anforderungen sehen Sie CONSULECTRA konfrontiert?
Torsten Brinker: Bei der Auseinandersetzung mit den aktuellen Zielen unserer Kunden in der Energiewirtschaft fällt auf, dass einzelne Veränderungen im Energiesystem und speziell in den Verteilnetzen weitreichende Folgen für das Gesamtsystem beinhalten. Dies zeigt nicht nur die Anforderung an die Digitalisierung und Errichtung hochautomatisierter Mittel- und Niederspannungsnetze. Werden die bestehenden EEG-Ausbauziele in unserer Gesellschaft zugrunde gelegt und die Summe der zu übertragenden Leistungen real betrachtet und hochgerechnet, so muss in den Verteilnetzen und auf allen Spannungsebenen in Dimensionen gedacht werden, die so noch nie technisch errichtet bzw. durch die Energieversorgungsunternehmen betrieben wurden.
Wir müssen diese Veränderungen ganzheitlich betrachten: Eine Vielzahl von Herausforderungen wie die Netzstabilisierung, der erforderliche Netzausbau, Regulierungsanforderungen, das Datenmanagement, die technische Machbarkeit und die Liquiditätsanforderungen für die Versorgungsunternehmen treffen aufeinander. Sie sollten intelligent und digital verknüpft werden. Als eine für uns übergreifende Kernaufgaben gilt dabei, dass CONSULECTRA das Ziehen der Akteure aus verschiedenen Richtungen am Tischtuch, um es mit einer Metapher auszudrücken, so begleitet, dass es am Ende geglättet wird und nicht zerreißt.
Die zentrale Anforderung an die neue Strategie für CONSULECTRA war also: Welche Rolle nimmt CONSULECTRA mit ihrem Beratungsauftrag in diesem Prozess ein und wie organisiert und beantwortet man alle diese ineinander verzahnten und berechtigten Anliegen so, dass sich für den jeweiligen Kunden eine annehmbare und machbare Lösung ergibt?
Unsere Antwort, um es simpel klingend zusammenzufassen ist: CONSULECTRA ergänzt sein Leistungsportfolio. Unsere Umsetzungsberatung wird um eine energiewirtschaftliche Strategieberatung erweitert.
Können Sie das konkretisieren?
Torsten Brinker: Die analytische Annäherung an die Aufgabenstellungen hat veränderte Anforderungen an die Methoden der Zusammenarbeit ergeben. Mit unserem Know-how können wir unsere strategische Ausrichtung an den Fragen und Themen unserer Zeit für eine Energiewirtschaft der Zukunft ausrichten. Entsprechend der geänderten Anforderungen durch unsere Kunden passen wir unsere Kompetenzfelder an.
Seit dem Frühjahr 2025 bietet unser Unternehmen, welches sich durch langjährige Umsetzungserfahrungen aus einer Vielzahl von spezifischen sehr „ingenieurlastigen“, energiewirtschaftlichen Projekten auszeichnet, zusätzlich zu den bekannten Leistungen eine ganzheitliche „energiewirtschaftliche Strategieberatung“ an.
Ändert sich damit die Ausrichtung des Unternehmens? Wie wird dies bzw. die Portfolio-Ergänzung angenommen?
Torsten Brinker: Unsere Ausrichtung ändert sich nicht, sie wird nur um eine fehlende und heute immer wichtiger werdende Komponente ergänzt. Wir verstehen uns nach wie vor als qualifizierter Unterstützer der Wertschöpfungsstufen unserer Kunden mit unseren spezifischen Leistungen. Unsere strategischen Ziele sind dabei deckungsgleich mit den Zielen der Energie- und Versorgungsunternehmen. Die bestehenden und zukünftigen Themenfelder orientieren sich dabei entlang der Zielgeraden des Energiewendeziels unserer Gesellschaft.
Unsere Gespräche mit Kunden und Interessenten zeigen jedoch, dass die aktuelle Komplexität der Themen unsere Kunden teilweise überfordert. Diesem Bedürfnis müssen wir Rechnung tragen. Durch die neue Kombination unseres Leistungsportfolios bestehend zum einen aus hoch spezialisierten Ingenieurleistungen in den jeweiligen Themenfeldern, ergänzt zum anderen um unsere neue praxisnahe energiewirtschaftliche Strategieberatung, bieten wir eine wirkungsvolle und fast schon einmalige Kombination an. Unsere Kunden erkennen, dass wir ihnen in dieser Kombination ihre komplexen Fragestellungen beantworten können und ihnen so auch in der Zukunft ein verlässlicher Partner bleiben können.
Welche Auswirkungen hat der Wandel in der Energiewirtschaft auf die Mitarbeitenden der CONSULECTRA?
Torsten Brinker: Der große Wandel in der Energiewirtschaft, der auch einen Transformationsprozess in der CONSULECTRA erforderlich macht, wirkt natürlich auch auf die Lebensläufe und Kompetenzprofile der Mitarbeitenden der CONSULECTRA. Möglicherweise entstehen ganz neue Berufsbilder, die wir in der Zukunft benötigen.
Für die Betreuung unserer Kunden in diesem zunehmend komplexen und herausfordernden Umfeld brauchen wir ein flexibles Mindset für ganzheitliche Lösungsansätze. Wir erarbeiten weitere Themenfelder für unser Leistungsportfolio und definieren neue, erforderliche Kompetenzbereiche für unsere Mitarbeitenden.
Wir betrachten dabei nicht nur die Einzelteile unserer Leistungen, sondern auch die Zusammenhänge und Bezüge dieser im Gesamtkontext. Dieses den Mitarbeitenden zu vermitteln, ist Teil unseres internen Mentoren-Programmes, welches sich als fester Bestandteil unseres internen Transformationsprozesses etabliert hat. Es gilt, die praxis- und inhaltsorientierte Planungs- und Umsetzungsberatung von heute in ganzheitliche, energiewirtschaftliche Lösungsansätze für unsere Kunden zu überführen. Von der wirtschaftlichen Netzplanung zum digitalen Netzbetrieb. Die Einbindung neuer intelligenter Netztechnologien in die Netzführung unter Berücksichtigung des IT-Sicherheitsaspekts ist in Zukunft vermehrt als übergreifende Aufgabenstellung umzusetzen.
Für CONSULECTRA und unsere Mitarbeitenden gilt also: Die strategischen Ziele der CONSULECTRA sind die Leitplanken für die richtigen Antworten, Herausforderungen und Ziele der Energiewirtschaft und somit richtungsweisend für unsere heutigen und zukünftigen Beratungs- und Projektierungsleistungen.
Sie sprachen auch das Thema Identität als an. Was hat es damit auf sich?
Torsten Brinker: Ein wichtiger Eckpfeiler für die Umsetzung der strategischen Ziele der CONSULECTRA ist die interne und externe Vermarktung unseres Angebotsportfolios als Antwort auf die komplexen Fragen.
Feststellen dürfen wir, dass durch das 50-jährige Bestehen des Unternehmens unser Name allein durch das Vorhandensein eine Vermarktung bestmöglich unterstützt. Die Marke CONSULECTRA ist bekannt und der Name untrennbar mit einem Gefühl von spezifischen, hochwertigen Ingenieurleistungen im Energiemarkt verbunden.
Wir bemerken jedoch gleichzeitig, dass unser Unternehmen zwar über eine hohe ungestützte Bekanntheit verfügt, wir aber dennoch in Kundengesprächen erkennen, dass unser aktuelles Leistungsportfolio nicht immer oder eher weniger bei unseren Kunden bekannt ist. Das wollen wir verändern und verbessern. Wir müssen auch unsere Transformation kommunizieren!
Als Voraussetzung dafür haben wir uns mit unserer Identität in 2025 beschäftigt. Wir wollten herausfinden, was der rote Faden seit der Gründung unseres Unternehmens ist, was unsere Seele beschreibt. Als Kernfrage stand im Raum, „Warum tun wir seit der Gründung das, was wir tun? Wofür steht unsere Marke und welche Eigenschaften sind mit unserer Marke verbunden?
Der Anspruch, unseren Markenkern mit wenigen Worten zu beschreiben, war sehr hoch. Das Ergebnis hat uns anschließend in seiner Klarheit jedoch fast überrascht:
„Mit spezifischem Wissen die stetige Transformation des Energiesystems unterstützen“
traf genau ins Schwarze. Dieser kurze Satz fasst zusammen, was die Motivation zum Zeitpunkt der Unternehmensgründung war, aber auch, was all die Jahre unsere Vorstellung einer optimalen Leistung entsprach. Und eben auch heute ist dies unsere DNA. Sie trägt unser aktuelles Leistungsportfolio und kann somit auch Kern unseres Handelns in der Zukunft sein.
Für die zukünftige interne und externe Vermarktung unserer Leistungen wird uns unsere so gefestigte Identität, unser Markenkern, bei der weiteren Entwicklung unseres Unternehmens, bei der gezielten Suche neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und der Kommunikation in Richtung unserer Kunden und Marktbegleiter ab jetzt gezielt unterstützen.
